Versöhnen statt Verbrennen.

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7 Thesen zur Verbrennung von Luthers Schriften in Köln

vor und nach 500 Jahren

Hans-Georg Link

  1. Erinnerung

Ein jüdisches Sprichwort sagt: „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung.“ Daraus folgt die Erkenntnis: Wer die dunklen Seiten seiner Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen. Das betrifft auch die Schattenseiten der Reformationsgeschichte in Köln.

  1. Bücherverbrennung in Köln

Die Verbrennung von Luthers Schriften auf dem Kölner Domhof, dem heutigen Roncalliplatz,  am 12. November 1520 war das Fanal zur Exkommunikation Martin Luthers. Es war die erste Verbrennung von Luthers Büchern auf dem Boden des heiligen römischen Reiches deutscher Nation.  Ihr ging am 30. August 1519 die summarische Verurteilung von Luthers Büchern als ketzerisch durch die Kölner theologische Dominikanerfakultät voraus mit der Aufforderung zu deren Verbrennung. Ihr folgte am 28. September 1529 die Verbrennung der ersten Märtyrer der Reformation im Rheinland Adolf Clarenbach und Peter von Fliesteden auf Melaten in Köln.

  1. Bücherverbrennung in Wittenberg

Die Verbrennung des Kanonischen Rechts und der Bannandrohungsbulle durch Johannes Agricola, Martin Luther und Philipp Melanchthon am 10. Dezember 1520 in Wittenberg folgte der vorhergehenden Verbrennung von Luthers Büchern an mindestens 5 Orten im Herbst 1520: Löwen, Lüttich, Köln, Mainz und Halberstadt. Sie war daher keine originär Wittenberger Aktion, sondern eine reformatorische Re-Aktion auf mehrfache öffentliche anti-reformatorische Verbrennungsaktionen im deutschen Reich.

  1. Der Papst als „Antichrist“

Martin Luthers Verdikt gegen Papst Leo X.  als „Antichrist“ ist seine Antwort auf die summarische Verurteilung seiner Thesen in der Bannandrohungsbulle vom 15. Juni 1520 „insgesamt und einzeln.. .als ketzerisch, anstößig und falsch“. Die Bannandrohungsbulle beruft sich dabei ausdrücklich auf das Kölner Gutachten von 1519.  Luther hat an seiner These, dass der Papst sich an die Stelle Christi setzt, zeitlebens festgehalten. Manche lutherischen Theologen und Kirchen haben sich davon in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Einsicht distanziert: „Der Papst ist nicht der Antichrist.“ Eine offizielle Rücknahme des reformatorischen  Antichrist-Verdikts in vier evangelischen Bekenntnisschriften durch den Lutherischen Weltbund (LWB) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) lässt jedoch bis heute auf sich warten.

 

 

  1. Luthers und aller seiner Anhänger Exkommunikation

Die Exkommunikation Martin Luthers und aller seiner Anhänger ist am 3. Januar 1521 von Papst Leo X. persönlich unterzeichnet und die „Exkommunizierten, Gebannten, Verfluchten…als erklärte Ketzer“ mit „ewiger Verdammnis“  belegt worden. Dazu hat der Vatikan bis zum heutigen Tag offiziell geschwiegen.

 

  1. Aufarbeitung in Köln seit 75 Jahren

In Köln hat die Zuwendung der evangelischen und katholischen Kirche zueinander mit der Gründung des noch heute bestehenden Robert-Grosche-Kreises aus evangelischen und katholischen Theologen am 22. Januar 1946 begonnen, also vor knapp 75 Jahren. Zu den Höhepunkten dieses Annäherungs- und Aufarbeitungsprozesses gehören u.a.:

  • das öffentliche Gespräch während des 12. Evangelischen Kirchentages zwischen Präses Joachim Beckmann und Lorenz Kardinal Jaeger in der Kölner Messe am 30. Juli 1965: “Katholiken und Protestanten angesichts des Konzils“;
  • die Ausstellung im Historischen Archiv 1993 zum Gedenken an den Kölner Reformationsversuch von 1543: „Zwischen Reform und Reformation“;
  • die Feier des 500. Jahrestages von Luthers 95 Thesen am 31. Oktober 2017 im  überfüllten Altenberger Dom mit Ansprachen von Präses Manfred Rekowski und Rainer Kardinal Woelki.

 

  1. Öffentliche Verständigung in Köln nach 500 Jahren
  2. Nachdem am 12. November 1520 Erzbistum, Rat und Universität der Stadt Köln mit der ersten öffentlichen Verbrennung von Luthers Schriften auf deutschem Boden sich als aktive Vorkämpfer gegen die reformatorische Bewegung und für Luthers Exkommunikation betätigt haben, ist es nach 500 Jahren am 12. November 2020 hohe Zeit,  in Köln zur offiziellen und öffentlichen Versöhnung zwischen evangelischer und katholischer Kirche  durch einen sichtbaren Akt der Erinnerung und Verständigung  mit gutem Beispiel voranzugehen.
  3. Denn auf dem dargelegten geschichtlichen Hintergrund hat die Stadt Köln eine auf deutschem Boden einmalige Bringschuld, als historische Wiedergutmachung etwas Substanzielles zur Überwindung der Kirchenspaltung beizutragen.
  4. Statt zu verbrennen empfiehlt es sich, nach 500 Jahren Luthers Meisterwerke aus dem Jahr 1520 zu lesen: An den christlichen Adel deutscher Nation: Von des christlichen Standes Besserung; Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche; Von der Freiheit eines Christenmenschen. (In: H.Franke/G.Raatz (Hg2.), Befreit! Martin Luthers Hauptschriften von 1520, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2020, Preis: 3 €).