Offener Brief zu Pfingsten 2024

25 Jahre Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, 1700 Jahre Erstes Ökumenisches Konzil mit gemeinsamem Glaubensbekenntnis und ein neues Schöpfungsfest

Offener Brief des Altenberger Ökumenischen Gesprächskreises zu Pfingsten 2024 an Verantwortungsträger/innen der Kirchen in Deutschland

Sehr geehrte Frau Bischöfin Fehrs, sehr geehrter Herr Bischof Bätzing, sehr geehrter Herr Erzpriester Miron, liebe Geschwister in Christus!

Mit Dank lesen wir den gemeinsamen evangelisch-katholischen Vorschlag, den vielfach gelingenden Prozessen des Miteinander auch im weiteren Kontext der ACK zu vertrauen und zu fördern „Mehr Sichtbarkeit in der Einheit und mehr Versöhnung in der Verschiedenheit“1 – auch da, wo in Einzelbewertungen und Zielsetzungen Übereinkunft noch aussteht.
Ergänzend ist es uns wichtig, neben den erwähnten spontanen wie strukturellen Gelegenheiten des Miteinander aktuelle, kirchengeschichtlich nahegelegte Ereignisse als Anlässe zu theologisch vertiefter und institutionalisierter Zusammenarbeit aufzugreifen. Wir möchten drei Akzente setzen.

I. Zum Thema Rechtfertigung
1. Vor 25 Jahren, am 31. Oktober 1999, ist die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (GER) zusammen mit der „Gemeinsame(n) Offizielle(n) Feststellung“ (GOF) in der Augsburger St. Anna-Kirche von den damaligen Repräsentanten des Lutherischen Weltbundes und des Vatikanischen Einheitssekretariates unterzeichnet und nach rund 500 Jahren Feindschaft mit Begeisterung aufgenommen worden. Hier wird bekannt:

„Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken“ (Z. 15). Dazu erläutert die Erklärung von Notre-Dame 2019: „Dieser trinitarische Ansatz ist uns eine wichtige Hilfe, um Rechtfertigung und Heiligung umfassend zu verstehen.“ Die fünf weltweiten Kirchengemeinschaften, die sich inzwischen der GER angeschlossen haben: neben der Evangelisch-lutherischen und der Römisch-katholischen Kirche der Weltrat Methodistischer Kirchen, die Anglikanische Gemeinschaft und die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, sind vom 26. bis 28. März 2019 in der amerikanischen Universität von Notre Dame/Indiana zu einer ersten Begegnung zusammengekommen und haben einen Dialog mit dem Ziel verbindlicher Kirchengemeinschaft miteinander auf den Weg gebracht.

2. Wir schlagen vor: Das 25-jährige Jubiläum der GER wird zum Anlass genommen, den Reformationstag 2024 in Gemeinschaft von Christen dieser Kirchen zu begehen und ihn künftig als ökumenischen Tag der ecclesia semper reformanda zu gestalten. Es „sollten auch Liturgien zur Feier der Rechtfertigung und unserer gemeinsamen Taufe anlässlich des 31. Oktober … zugänglich gemacht werden“ (Notre Dame, 2019). Ein Gegenbesuch kann, wie schon gelegentlich geübt, an Allerheiligen stattfinden.2

3. Wir erinnern: „Die Rechtfertigungslehre muss sich im Leben und in der Lehre der Kirchen auswirken und bewähren“ (Z. 43). Sie ist gänzlich missverstanden, wo sie missdeutet wird zu Selbstrechtfertigung und auch zu einer Rechtfertigung von Tätern in Zusammenhängen von sexualisierter, politischer und wirtschaftlicher Gewalt, statt zum Eintreten für das Recht jeglicher Opfer.3

II. Zum Ersten ökumenischen Konzil
1. Vor 1700 Jahren wurde am 19. Juni 325 in der Sommerresidenz des Kaisers Konstantin zu Nikaia von einem von ihm erstmals einberufenen Ökumenischen Konzil das Glaubensbekenntnis beschlossen, das bis heute (mit den Ergänzungen des Zweiten Konzils von Konstantinopel, 381) als Bekenntnis der gesamten Christenheit gilt. Es ist uns neben dem katechetischen Apostolikum in der Westkirche als ein doxologisches Bekenntnis kostbar und sollte von den Gemeinden gesungen werden. Die lex orandi (Gebet) ist die lex credendi (Glaube), und somit die lex docendi (Theologische Lehre) und die lex vivendi (Lebensgestaltung). Das Credo in drei Artikeln verbürgt uns den unhintergehbaren Kern des christlichen Bekenntnisses an den dreifaltig-einen Gott und des Lebens in der Gemeinschaft der Glaubenden auf dem gesamten Erdkreis (Ökumene).

2. Wir schlagen vor: Zum 19. Juni 2025, in Deutschland Fronleichnamstag, wird von der ACK gemeinsam mit der DBK, EKD und OBK (auch der Allianz) eingeladen zu einer ökumenischen Versammlung, in Verbindung mit begleitenden Initiativen, zu gemeinsamem Bekenntnis des Nizänum und zur Verpflichtung auf gemeinsame Fortsetzung des konziliaren Prozesses.

3. Wir erinnern: Verschiedene Abweichungen vom Ursprungswortlaut haben sich in der Geschichte der Westkirche ereignet. So empfehlen wir die Rückkehr zum ursprünglichen Wortlaut mit der Orthodoxie. Wir bitten ebenfalls darum, im deutschsprachigen Raum wie im englischsprachigen, das griechische Wort „katholiké“ auch von evangelischer Seite wieder zu übernehmen4, um es zu ent-konfessionalisieren und gemeinsam seinem Sinn gemäß als „katholisch“ = universal zu bekennen.5

III. Ein Fest der Schöpfung
1. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen. 1,1) – „Am Anfang war Das Wort“ (Joh. 1,1)

Im Credo heißt es: „Durch Ihn ist alles geschaffen“. Dieses unvordenkliche Ereignis hat bisher keinen Ort im kirchlichen Jahreskalender. Dies wurde vor kurzer Zeit bei einer gesamt-ökumenischen Beratung am Vorabend des Nizänum-Gedenkens beklagt.6 Die Einführung eines Festes der Schöpfung hielt die Versammlung für dringend notwendig. Diesem Votum schließen wir uns angesichts der Bedrohung unseres Planeten sehr bewusst an.

2. Wir schlagen vor: In Abstimmung innerhalb der Weltkirche wird ein solches Fest-Datum festgelegt – etwa am 1. Sonntag im September analog dem altbyzantinischen und dem 1. Tischrej im jüdischen Festkalender. Es verpflichtet zur Achtung der Schöpfung wie zum Dienst an ihr.

3. Wir erinnern: Jesus Christus ist Schöpfungsmittler: Schöpfungs- und Heilsgeschichte gehören untrennbar zusammen und harren des Geistes der Vollendung. Niemand ist Schöpfer seiner selbst, alle schulden Dank und Gotteslob – und mögen sich dessen erfreuen.

Wir wären dankbar für Antworten auf diese Vorschläge und grüßen eingedenk der apostolischen Mahnung: „Kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse!“ (Eph. 5,16)

Köln, zu Pfingsten 2024 (Redaktionsschluss Misericordias Domini 2024)

Für den Altenberger Ökumenischen Gesprächskreis:


1 Gemeinsame Texte 30, 14. 3. 2024.

2 Wir weisen auf unseren, im Gemeinsamem Wort von LWB und Rom in Krakau im September 2023 aufgegriffenen, noch nicht umgesetzten Vorschlag hin, sowohl Luthers Papstverdikt wie Leo‘s X. Bannspruch gegen dessen Anhänger, wie auch die weiteren wechselseitigen „Verwerfungen“ aufzuheben.

3 Verwiesen sei auf den Synodalbeschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland von 1980, These 5, dass die Rechtfertigungslehre kein Instrument des Antijudaismus sein dürfe, sondern Brücke ist für die gemeinsame Einsicht von Juden und Christen, dass „die Einheit von Gerechtigkeit und Liebe das geschichtliche Heilshandeln Gottes kennzeichnet“.

4 Wie noch in den klassischen protestantischen Dogmatiken bis hin zu Calixtus und Comenius: „ecclesia catholica“; vgl. aktuell Mario Fischer und Martin Friedrich (Hg./ed.s), „Kirchengemeinschaft. Communion“, Leuenberger Texte 16, 2019, 3.3 Katholizität, Ziffern 61ff.

5 Vgl. weitere Vorschläge in unserer Erklärung „2025 – Jahr mit dem Bekenntnis“, 2023, und im Anhang der zum Jubiläum des Nizänum erscheinenden Veröffentlichung des Altenberger Ökumenischen Gesprächskreises „Attraktive Fremdheit Gottes“, hg. von Hans- Georg Link und Josef Wohlmuth, 2024, S. 280ff.

6 Unter dem Titel „The Feast of Creation and the Mystery of Creation“, auf Einladung von World Council of Churches, World Communion of Reformed Churches, The Lutheran World Federation, Anglican Communion, Laudato sí Research Institute, bei Unterstützung durch den Vatikan in Assisi 14.-17. 3. 2024.